Touristische Daten im Zeitalter der KI - ein entscheidenden Faktor AI & Datenqualität

22.06.2026Digital


Interview mit Sandy Rischette, Head of Digital & Data Management
 

1. Was genau versteht man im Kontext von LFT unter „Datenqualität“ – und warum ist das heute ein strategisches Thema?  

Sandy Rischette: In unserer nationalen touristischen Datenbank wird die Qualität der Daten über vier Dimensionen definiert.

Vollständigkeit: Sind alle wesentlichen Informationen gepflegt – Öffnungszeiten, Preise, Beschreibungen, Kontakte, Fotos? Und liegen sie in allen vier Sprachen vor (DE/FR/EN/NL)?
Kohärenz: Sind die Daten zwischen den Sprachen konsistent und an die verschiedenen Distributionskanäle angepasst – Website, Visit-Luxembourg-App, digitale Partnerterminals?
Aktualität: Bilden die Informationen die Realität von heute ab und nicht den Stand von vor einem Jahr?
Und schließlich Richtigkeit: Entspricht das, was angezeigt wird, dem, was der Besucher tatsächlich vor Ort vorfindet?

Datenqualität war schon immer ein Kern unserer Aufgabe. Eine nationale touristische Datenbank als „Single Source of Truth“ für das ganze Land zu haben, ist genau das, was verhindert, dass der Besucher je nach Kanal mit widersprüchlichen Informationen konfrontiert wird.

Was sich heute verändert, ist die Tragweite. Viele KI-Systeme greifen direkt auf diese Daten zu: Suchmaschinen, Chat-Assistenten, Reiseplanungsagenten. Eine KI kann unvollständige oder veraltete Daten nicht kompensieren. „Garbage in, garbage out“ gilt bei generativer KI umso mehr.

2. Wie ist der aktuelle Zustand Ihrer Daten – was sind die größten Herausforderungen in Bezug auf Vollständigkeit, Kohärenz und Aktualität?

Sandy Rischette: Ohne auf konkrete Zahlen einzugehen, die Teil eines internen Audits sind, lassen sich die strukturellen Herausforderungen gut zusammenfassen – und sie sind bei den meisten DMOs ähnlich. Die Vollständigkeit ist uneinheitlich: Manche Partner pflegen sehr vollständige, gut ausgearbeitete Einträge, andere geben nicht einmal ihre Öffnungszeiten an. Die Lücke zwischen großen Häusern und kleinen, unabhängigen Anbietern ist deutlich.

Bei der Aktualität kommen saisonale Updates – Sommer- und Winterzeiten, temporäre Schließungen, neue Angebote – verspätet oder gar nicht, wenn sie allein von der Initiative des Partners abhängen. Und oft fehlt es dabei nicht an gutem Willen: Viele Partner sehen schlicht nicht, wie wichtig es ist, ihre Daten aktuell zu halten. Sie bringen einen veralteten Eintrag nicht automatisch mit einem enttäuschten Besucher in Verbindung.

Was die Mehrsprachigkeit betrifft: Inhalte liegen meist in DE, FR und EN vor, aber NL ist oft nur teilweise, veraltet oder gar nicht vorhanden – obwohl der niederländischsprachige Markt einen wichtigen Anteil unserer Gäste ausmacht.

Das sind strukturelle Herausforderungen der Branche, keine luxemburgische Besonderheit.

3. Wie wird KI heute in Ihren Prozessen eingesetzt – von der Datenerfassung bis zur Nutzung der Daten?

Sandy Rischette: Wir befinden uns aktuell in der Anfangsphase unserer KI-Strategie, die auf 24 Monate ausgelegt ist. Diese Phase ist bewusst der Governance, den Grundlagen und ersten Experimenten gewidmet – ohne Produktivbetrieb, bevor der Rahmen steht.

Was heute bereits aktiv ist: KI unterstützt unsere internen Workflows – beim Schreiben, Zusammenfassen, bei der assistierten Übersetzung, bei Recherchen und ersten Qualitätschecks in unserer Datenbank. Im Aufbau befindet sich der Governance-Rahmen für KI – ein Register der Systeme, Risikoanalysen, die Sicherstellung der Konformität mit dem EU AI Act. Das ist die Voraussetzung für jeden Produktiveinsatz. Wir gehen nicht live, bevor dieses Fundament gelegt ist.

Mittelfristig möchten wir fortgeschrittene Tools integrieren, die die Aktualisierung der Daten in unserer Datenbank erleichtern und teilweise automatisieren, sowie einen internen Agenten, der auf Basis dieser Daten den Arbeitsalltag des Teams vereinfacht. Langfristig sollen die Daten dem Endnutzer zugutekommen – über einen Conversational Assistant auf der Website und in der Visit-Luxembourg-App, der konkrete Fragen zur Reiseplanung beantworten kann.

4. Kann KI die Datenqualität automatisiert verbessern, oder braucht es immer eine menschliche Freigabe? Wo ziehen Sie die Grenze – und wie könnte eine proaktive KI-Unterstützung für Partner konkret aussehen?

Sandy Rischette: Die Grenze liegt klar bei der KI als Assistenz, nicht als Entscheiderin – jedenfalls überall dort, wo es um veröffentlichte Daten geht.

KI kann ohne durchgängige manuelle Freigabe die Anomalieerkennung automatisieren: etwa ungewöhnliche oder fehlende Öffnungszeiten identifizieren, Fotos mit zu niedriger Auflösung oder im falschen Format erkennen, Inkonsistenzen feststellen zwischen den Angaben des Partners in unserer Datenbank und verlässlichen Drittquellen. Sie kann Partner bei der Eingabe unterstützen, indem sie sie durch das Update ihrer Einträge führt und auf fehlende Felder hinweist.

Umgekehrt erfordern bestimmte Schritte zwingend eine menschliche Freigabe: jede tatsächliche Änderung an einem veröffentlichten Eintrag, redaktionelle Inhalte, Preis- und Barrierefreiheitsinformationen, die Vergabe von Qualitätssiegeln sowie die Verteilung der Inhalte an Partnerkanäle.

Der Grund ist einfach: Verantwortung und Vertrauen. Wenn eine KI automatisch die Öffnungszeiten eines Restaurants ändert und sich irrt, trägt LFT die Verantwortung gegenüber Besucher und Partner. KI beschleunigt und verbessert den Prozess – sie ersetzt ihn nicht.

5. Ihre Datenbank umfasst Hunderte touristische Partner. Wie organisieren Sie die regelmäßige Aktualisierung all dieser Einträge – und was ist das größte Hindernis, wenn man von Hoteliers, Gastronomen oder Attraktionen verlangt, ihre Daten selbst zu pflegen?

Sandy Rischette: Die imx.Platform funktioniert nach einem Partner-Self-Service-Modell: Die touristischen Leistungsträger – Unterkünfte, Restaurants, Attraktionen – sind selbst für die Aktualisierung ihrer Einträge zuständig. Für Gemeinden und Syndicats d’Initiative gilt: Sie pflegen die Attraktionen auf ihrem Gebiet. LFT und die Regionalen Tourismusbüros (ORT) haben theoretisch eine Rolle im Qualitätsmanagement und Support; in der Praxis sind es derzeit vor allem die ORT, die bei der Datenpflege am aktivsten sind. Das Modell ist skalierbar, baut aber vollständig auf dem Engagement der Partner auf.

Die größte Hürde ist nicht technischer Natur, sondern eine Frage der Priorität. Ein Hotelier oder Gastronom managt zuerst das Tagesgeschäft. Einen Eintrag auf einer nationalen Plattform zu aktualisieren, wirkt selten dringlich – bis zu dem Tag, an dem ein Besucher mit falschen Informationen vor der Tür steht.

Hinzu kommen mehrere Faktoren, die das Problem verstärken. Zunächst die Fragmentierung der Plattformen: Unsere Partner pflegen parallel Google Business, Booking.com und die imx.Platform. Der Pflegeaufwand ist real. Dann der fehlende direkte Rückkanal: Sie sehen nicht unmittelbar, welche Folgen ein unvollständiger Eintrag für ihre Sichtbarkeit oder Auslastung hat. Und schließlich die stark unterschiedliche digitale Kompetenz: Zwischen einem großen Hotel mit Marketingabteilung und einer unabhängigen Unterkunft klafft bei der Nutzung digitaler Tools häufig eine große Lücke.

Unsere Antwort auf diese Herausforderung basiert auf zwei Hebeln: die Eingabeflächen so weit wie möglich zu vereinfachen und den Mehrwert eines vollständigen Eintrags für den Partner sichtbar und konkret spürbar zu machen. Das ist unser laufender Auftrag.

6. In welchem Maß wirken sich qualitativ schlechte Daten direkt auf das Besuchserlebnis aus – ob auf der Website, in den Apps oder in den Tourist-Informationen?

Sandy Rischette: Die Auswirkungen sind unmittelbar und lassen sich auf drei Ebenen beobachten.

Auf Websites, in der App und an digitalen Terminals: Findet ein Besucher falsche Öffnungszeiten, eine fehlerhafte Adresse oder ein nicht repräsentatives Foto, verliert er das Vertrauen – und Vertrauen gewinnt man nur schwer zurück. In den Tourist-Informationen nutzen die Mitarbeitenden diese Daten als Referenz. Eine falsche Information bleibt nicht auf den digitalen Raum beschränkt; sie schlägt sich auch im persönlichen Beratungsgespräch nieder – und damit in der tatsächlichen Erfahrung des Besuchers vor Ort.

Das kritischste Risiko ist jedoch im Entstehen begriffen: KI-Systeme. Google, ChatGPT und künftig auch unser eigener Assistent greifen auf unsere Daten zu und verbreiten sie weiter. Ein Fehler in der Datenbank bleibt nicht auf einen Kanal beschränkt – er vervielfacht sich auf viele Kanäle, oft ohne Möglichkeit, ihn in Echtzeit zu korrigieren.

Die reputationsbezogenen Kosten einer falschen Information steigen automatisch mit jedem neuen System, das uns als Quelle nutzt.

7. Welche Prioritäten setzt Ihr Team als Nächstes beim Einsatz von KI für das Management touristischer Daten?

Sandy Rischette: Sobald die Governance-Fundamente gelegt sind – daran arbeiten wir derzeit intensiv –, konzentrieren sich unsere Prioritäten auf vier Schwerpunkte.

Semantische Suche: der Übergang von einer Schlagwortsuche zu einer intentionbasierten Suche auf visitluxembourg.com und in der Visit-Luxembourg-App. Ziel ist, dass ein Nutzer, der „was tun am Wochenende mit Kindern bei Regen“ eingibt, passende Vorschläge erhält – und nicht eine leere oder themenfremde Ergebnisliste.

Anomalieerkennung und automatisierter Qualitätscheck: um in der imx.Platform veraltete oder inkonsistente Daten proaktiv zu identifizieren.

Besucherorientierter KI-Assistent: ein mehrsprachiger Conversational Assistant, der konkrete Fragen zur Reiseplanung beantworten kann, gespeist direkt aus unserer nationalen Datenbank, mit einem anvisierten Go-live im Jahr 2027.

Und schließlich interne Agenten: KI-Werkzeuge, die den Arbeitsalltag der LFT-Teams vereinfachen – etwa in der redaktionellen Arbeit, beim Reporting, bei der Unterstützung der Dateneingabe, beim „Vibe Coding“ und Ähnlichem.

8. Wie wird sich die Rolle der „Data Quality“ in einer Organisation wie Visit Luxembourg in den nächsten drei bis fünf Jahren verändern – insbesondere vor dem Hintergrund, dass KI-Assistenten direkt aus Ihren Daten schöpfen?

Sandy Rischette: Data Quality wird sich von einem operativen Thema zu einem strategischen Asset entwickeln.

Bislang hatte eine fehlerhafte Information auf unserer Website eine begrenzte Wirkung: Der Besucher konnte auf Google gegenchecken, die Tourist-Information anrufen oder direkt die Website des Partners konsultieren. Es gab Sicherheitsnetze. Künftig, wenn ein KI-Assistent ihm sagt, dass ein Museum montags geöffnet ist – weil er unsere Daten konsumiert hat –, wird er sich darauf verlassen, ohne weiter zu prüfen. Die Art der Verantwortung von LFT als Referenzquelle verschiebt sich grundlegend.

Wir rechnen mit drei wesentlichen Entwicklungen. Erstens wird strukturierte Datenqualität zu einem Sichtbarkeitsfaktor: LLMs und KI-Agenten bevorzugen gut strukturierte, konsistente und regelmäßig aktualisierte Quellen. DMOs, die jetzt in die Qualität ihrer Datenbasis investieren, werden besser indexiert und häufiger zitiert; wer das nicht tut, läuft Gefahr, im KI-Ökosystem unsichtbar zu werden.

Zweitens wird die Datengovernance formeller: Es wird klar geregelt sein müssen, wer was ändern darf, mit welcher Freigabe und nach welchem Prozess. Das ist dann keine bloße interne Workflow-Frage mehr, sondern eine Compliance-Anforderung.

Und drittens muss sich die Zusammenarbeit mit touristischen Leistungsträgern weiterentwickeln: Datenqualität kann nicht länger ausschließlich auf der guten Absicht der Partner basieren. Es braucht klare Anreize, möglichst einfache Werkzeuge und wahrscheinlich auch Mindeststandards an Vollständigkeit, um über bestimmte Kanäle überhaupt ausgespielt zu werden.

In fünf Jahren wird die Frage nicht mehr lauten „Sind unsere Daten auf unserer Website aktuell?“, sondern „Sind unsere Daten im globalen KI-Ökosystem verlässlich?“ Das sind zwei sehr unterschiedliche Herausforderungen – und wir legen schon heute die Grundlagen, um sie zu meistern.